Kurze Zusammenfassung
Traubenkernmehl ist ein pflanzliches Nebenprodukt, das aus den Kernen der Weintraube (Vitis vinifera) gewonnen wird. Die Kerne fallen bei der Saft- und Weinherstellung an und werden getrocknet und vermahlen.
Bestimmende Inhaltsstoffe sind Polyphenole, insbesondere oligomere Proanthocyanidine – dieselbe Stoffgruppe, die auch den Kiefernrindenauszug prägt.
Für die Einordnung beim Hund ist eine Unterscheidung wesentlich, die sich erst in den letzten Jahren geklärt hat. Einzelheiten im entsprechenden Abschnitt.
Kontrollierte Fütterungsstudien zu Traubenkernmehl bei Pferd, Hund und Katze wurden nicht gefunden.
Fachliche Einordnung
Dieser Ratgeber wurde auf Basis der langjährigen Erfahrungen unserer Tierheilpraktikerin, unseren Beraterinnen und unserer Tierärztin Katrin Knecht erstellt. Grundlage sind über zwei Jahrzehnte praktische Begleitung und fachliche Einordnung.
Im Gegensatz zu klassischen Kräutern handelt es sich um ein Nebenprodukt der Lebensmittelverarbeitung. Botanisch stammt es von den Samen der Weinrebe, einer Kletterpflanze aus der Familie der Vitaceae.
Für die Einordnung wesentlich ist die Unterscheidung dreier Erzeugnisse aus derselben Frucht: das Traubenkernmehl als gemahlener Rückstand, das kaltgepresste Traubenkernöl und der standardisierte Traubenkernextrakt. Sie unterscheiden sich in Faser-, Fett- und Polyphenolgehalt erheblich.
Ebenso zu trennen sind Kerne und Fruchtfleisch. Diese Unterscheidung ist bei diesem Rohstoff nicht nur botanisch, sondern auch tierartlich bedeutsam.
FAQ
Was ist Traubenkernmehl?
Ein gemahlenes Nebenprodukt aus den getrockneten Kernen der Weintraube.
Welche Inhaltsstoffe enthält es?
Polyphenole, vor allem oligomere Proanthocyanidine, daneben Ballaststoffe, Restöl und Mineralstoffe.
Welche Bestandteile werden verwendet?
Ausschließlich die Kerne, nicht das Fruchtfleisch oder die Schalen.
Was ist beim Hund zu beachten?
Trauben und Rosinen werden beim Hund seit Langem gesondert betrachtet. Der dafür verantwortliche Stoff wurde erst 2021 näher bestimmt. Einzelheiten weiter unten.
Ist Traubenkernmehl dasselbe wie Traubenkernextrakt?
Nein. Der Extrakt ist ein Konzentrat mit deutlich höherem Polyphenolgehalt.
Botanische Grundlage
Die Weinrebe (Vitis vinifera) ist eine mehrjährige, verholzende Kletterpflanze aus der Familie der Vitaceae. Sie klettert mit Ranken und wird weltweit in gemäßigten und warmen Klimazonen kultiviert.
Die Früchte sind Beeren, die je nach Sorte Kerne enthalten oder kernlos gezüchtet wurden. Für die Gewinnung von Traubenkernmehl kommen nur kernhaltige Sorten in Frage.
Bei der Verarbeitung zu Saft oder Wein bleiben Schalen, Stiele und Kerne als Trester zurück. Die Kerne werden abgetrennt, getrocknet und vermahlen.
Inhaltsstoffe
Oligomere Proanthocyanidine
Die bestimmende Stoffgruppe der Kerne, aufgebaut aus Catechin-Bausteinen. Dieselbe Verbindungsklasse prägt auch den Auszug aus Strandkiefernrinde.
Weitere Polyphenole
Unter anderem Catechin, Epicatechin und Gallussäure-Verbindungen.
Ballaststoffe
Mengenmäßig der größte Anteil des Mehls, aus den strukturellen Bestandteilen der Samenschale.
Restöl
Je nach Verfahren im Mehl verbliebene Ölanteile. Traubenkernöl wird von Linolsäure bestimmt.
Mineralstoffe
In geringen Mengen enthalten.
Der Polyphenolgehalt schwankt je nach Rebsorte, Anbaugebiet, Reifegrad und Verarbeitung erheblich.
Einordnung: Trauben und Hunde
Trauben und Rosinen werden beim Hund seit Langem gesondert betrachtet. Lange war jedoch unklar, welcher Bestandteil dafür verantwortlich ist – was auch erklärt, warum die beobachteten Reaktionen so uneinheitlich ausfielen.
2021 legten Fachleute des amerikanischen Giftinformationszentrums für Tiere eine Erklärung vor: Ausgangspunkt war ein Fall, in dem ein Hund nach Aufnahme von Weinstein – einem Salz der Weinsäure – ein Krankheitsbild entwickelte, das den bekannten Trauben-Fällen glich. Die Autoren schlugen daraufhin Weinsäure und ihr Salz als den maßgeblichen Bestandteil vor. Eine Fallserie von 2022 stützte diese Annahme.
Die Erklärung ist plausibel, weil der Weinsäuregehalt in Trauben je nach Sorte, Anbaugebiet, Klima und Reifegrad stark schwankt – was die uneinheitlichen Beobachtungen erklären würde. Weinsäure ist ein Bestandteil des Fruchtfleisches und des Safts.
Was daraus für Traubenkernmehl folgt, ist damit allerdings nicht abschließend geklärt: Untersuchungen, die den Weinsäuregehalt speziell in Kernmehl bestimmen, wurden nicht gefunden. Die Einordnung sollte deshalb weiterhin zurückhaltend erfolgen.
Diese Angaben betreffen die Stoffgruppe und die Frucht, nicht ein bestimmtes Produkt. Bei Fragen zur Fütterung einzelner Tiere ist die tierärztliche Einschätzung maßgeblich.
Wissenschaftliche Einordnung
Mensch
Für den Menschen liegt eine umfangreiche Literatur zu Traubenkernen und ihren Polyphenolen vor. Diese Angaben beziehen sich ausschließlich auf den Menschen und stellen keinen Wirknachweis für Tiere dar.
Pferd
Kontrollierte Fütterungsstudien zu Traubenkernmehl beim Pferd wurden nicht gefunden.
Hund
Kontrollierte Fütterungsstudien zu Traubenkernmehl beim Hund wurden nicht gefunden. Zur gesonderten Betrachtung von Trauben siehe den vorstehenden Abschnitt.
Katze
Kontrollierte Fütterungsstudien zu Traubenkernmehl bei der Katze wurden nicht gefunden.
Modellorganismen
Experimentelle Arbeiten zu Traubenkern-Polyphenolen wurden überwiegend in Zellsystemen und an Nagern durchgeführt. Diese Ergebnisse sind nicht direkt auf Pferd, Hund oder Katze übertragbar.
Grundsätzlich gilt, dass Erkenntnisse aus Humanstudien und experimentellen Modellen nicht unmittelbar auf Tiere übertragen werden können.
Traditionelle Nutzung
Trauben werden seit Jahrtausenden als Nahrungsmittel und zur Weinbereitung genutzt.
Traubenkernmehl ist demgegenüber ein modernes Erzeugnis, das erst aus der Verwertung von Nebenprodukten der Kelterei entstanden ist. Eine eigene Überlieferung dazu existiert nicht.
Diese Nutzung basiert auf praktischen Erfahrungen und stellt keine wissenschaftliche Wirkaussage dar.
Wissenschaftliche Literatur
Wegenast CA, Meadows I, Anderson RE, Southard T, González Barrientos CR, Wismer TA
Acute kidney injury in dogs following ingestion of cream of tartar and tamarinds and the connection to tartaric acid as the proposed toxic principle in grapes and raisins
Journal of Veterinary Emergency and Critical Care. 2022
doi.org
ASPCA Animal Poison Control Center
Toxic Component in Grapes and Raisins Identified
Fachinformation für Tierärzte
aspcapro.org
Shi J et al.
Polyphenolics in grape seeds – biochemistry and functionality
Journal of Medicinal Food. 2003
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
Nassiri-Asl M, Hosseinzadeh H
Review of the pharmacological effects of Vitis vinifera (grape) and its bioactive compounds
Phytotherapy Research. 2009
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
